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Hintergrund und aktuelle Situation in NRW

Hintergrund

Resilienz ist „(…) die psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken“[1] und kann als eine Zusammensetzung von mehreren Einzelfähigkeiten verstanden werden, die nicht nur helfen, Krisensituationen zu bewältigen, sondern auch notwendige Entwicklungsaufgaben zu meistern.[2] Resilienz sollte dabei nicht als stabile, überdauernde Persönlichkeitseigenschaft verstanden werden, sondern als sich dynamisch im Laufe des Lebens verändernde Kapazität im Kontext der Mensch-Umwelt-Interaktion, die Anpassungsleistungen des Individuums erfordern.[3]

Während des Aufwachsens sind Kinder und Jugendliche vor etliche Herausforderungen gestellt, die mit Risikofaktoren  behaftet sein können. In der Entwicklungspsychopathologie wird hier zwischen zwei großen Gruppen unterschieden: Vulnerabilitätsfaktoren, welche durch biologische und psychische Merkmale des Kindes geprägt sind (z. B. genetische Disposition, Frühgeburt oder negatives Bindungsverhalten) und Risikofaktoren, die sich auf die psychosoziale Umwelt des Kindes beziehen (z. B. Modell- und Interaktionsverhalten der Eltern, traumatische Lebensereignisse oder chronische Armut). Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer psychischen Störung. Gleichzeitig können protektive Faktoren (z. B. psychologische Merkmale oder Eigenschaften der sozialen Umwelt) die Auftretenswahrscheinlichkeit psychischer Störungen senken. Nur mit ausreichender seelischer Widerstandskraft – entwickelt aus der Interaktion mit den Bezugspersonen und realen positiven Bewältigungserfahrungen – ist es Kindern möglich, aus herausfordernder beziehungsweise kritischen Situationen gestärkt hervorzugehen.[2]

Die Coronavirus-Pandemie konfrontiert Kinder und Jugendliche dabei in besonderer Weise mit komplexen Herausforderungen.[4] Zwar zeigt sich, dass ein Großteil der Kinder und Jugendlichen sich als äußerst resilient herausgestellt hat[5, 6, 7], allerdings weist die COPSY-Studie auf einen deutlichen Anstieg von psychischen Belastungen auf junge Menschen in Deutschland von 18% auf 31% hin.[8] Dabei sind besonders diejenigen betroffen, die bereits vor der Pandemie deutlich belastet waren (z. B. aufgrund beengter Wohnverhältnisse, geringer Bildungsstatus der Eltern, Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund). Die Folgen der Coronavirus-Pandemie haben die Bedeutung von Resilienz für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen verdeutlicht. Dies bestätigt auch das Handout "Sozialräumliche Auswirkungen von Corona auf Kinder und Jugendliche und die Bedeutung von Resilienz in Zeiten der Pandemie" der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) NRW.[9] Dieses wurde basierend auf Umfragen und Erfahrungen aus der fachlichen Begleitung des Förderprogramms "Zusammen im Quartier - Kinder stärken - Zukunft sichern" (ZiQ) erstellt.

Aktuelle Situation in NRW

Das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen hat von Anfang 2020 bis Mitte 2021 im Auftrag und unter Mitwirkung der Mitglieder der Arbeitsgruppe „Gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen“ eine mehrstufige Bestandsaufnahme und Bedarfsanalyse im Themenfeld Resilienz umgesetzt.

Neben einer nicht repräsentativen NRW-weiten Onlinebefragung von Akteurinnen und Akteuren, die in ihrem Arbeitsalltag mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in Kontakt kommen, wurden zwei ergänzende Gespräche mit Expertinnen und Experten durchgeführt.

Aus der Onlinebefragung und den Gesprächen lassen sich Kernaussagen für die Landesinitiative ableiten, die die Ergebnisse - stark gekürzt und verallgemeinert - zusammenfassen:

  • Es gibt unterschiedliche Ansätze der Resilienzförderung beziehungsweise -erhaltung bei Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in Nordrhein-Westfalen. Insbesondere die Themen Partizipation, Selbstwirksamkeit(serfahrung) und Bindungsförderung sollten noch stärker aufgegriffen werden.
  • Resilienzförderung sollte lebensphasen-, soziallagensensibel und wenn möglich systemisch (Einbezug relevanter Bezugspersonen und Systeme der Kinder und Jugendlichen) gestaltet werden.
  • Resilienz ist ein wichtiges Querschnittsthema. Dementsprechend ist das Feld möglicher Angebote zur Resilienzförderung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien sehr breit gefächert und es sollten viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure beteiligt sowie sensibilisiert werden.
  • Resilienzförderung sollte in ihren unterschiedlichen Facetten fest in Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien (z. B. Kindertageseinrichtungen, Schulen, Quartiere) verankert werden.

Die Förderung der Resilienz von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien wird als Querschnittsthema von zahlreichen Akteurinnen und Akteuren in Nordrhein-Westfalen bereits sehr umfangreich aufgegriffen. Es sind jedoch auch Hinweise zu Bedarfen und Weiterentwicklungsideen eingegangen, die in der AG als weitere Diskussionsgrundlage aufgegriffen wurden. Potenziale zur Weiterentwicklung bestehen nicht zuletzt durch die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie. Hierzu kann die AG „Gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen“ der Landesinitiative Gesundheitsförderung und Prävention mit ihren unterschiedlichen Partnerinnen und Partnern einen Teil beisteuern, um Maßnahmen zu initiieren beziehungsweise bestehende Aktivitäten fortzuschreiben, Synergien zu schaffen und erprobte Ansätze zu verbreiten.

[1] Wustmann C.: Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim: Beltz 2004, S. 18.
[2] Fröhlich-Gildhoff K., Rönnau-Böse M.: Was ist Resilienz und wie kann sie gefördert werden? TELEVIZION. 31 (2018), Nr. 1. S. 4-8.
[3] Bengel J., Meinders-Lücking F., Rottmann N.: Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen – Stand der Forschung zu psychosozialen Schutzfaktoren für Gesundheit. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.): Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Band 35. Köln: BZgA 2009.
[4] Baumann M.: Familiäre Gewalt in der Corona-Zeit – Entwurf eines empirisch fundierten Modells dynamischer Risiko- und Ressourcenfaktoren. Zeitschrift für Sozialpädagogik 18 (2020), Nr. 3, S. 233-250.
[5] Prati G., Mancini A. D.:  The psychological impact of COVID-19 pandemic lockdowns: a review and meta-analysis of longitudinal studies and natural experiments. Psychological Medicine. 52 (2021), Nr. 2, S. 201-211.
[6] Sturzbecher D., Dusin R., Kunze T., et al.: Jugend in Brandenburg. Auswirkungen der Corona-Pandemie. Potsdam 2021.
[7] Sachser C., Olaru G., Pfeiffer E., et al.: The immediate impact of lockdown measures on mental health and couples relationship during COVID-10 pandemic – results of a representative survey in Germany. Social Science & Medicine. 278 (2021), Nr. 113954.
[8] Ravens-Sieberer U., Kaman A., Erhart M., et al.: Impact of the COVID-19 pandemic on quality of life and mental health in children and adolescents in Germany. European Child & Adolescent Psychiatry. 2021.
[9] G.I.B. - Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung mbH (Hrsg.): Sozialräumliche Auswirkungen von Corona auf Kinder und Jugendliche und die Bedeutung von Resilienz in Zeiten der Pandemie. 2021.